HERBERT BIENK:

»Wir brauchen einander nicht
nur – wir sind einander auch
näher als wir zugeben wollen.
Zeigen wir es doch allen.«
Immer wieder ist man erst einmal irritiert und dann verwundert und begeistert über die »Arbeitsleistung« behinderter Menschen. Man kann nur staunen über diese Wortgebung in der Literatur, die Sprache wie ebenso die gestalterische Ausdruckskraft bei der Formgebung. Ob Text, Bild, Auftritt oder Skulpturen – der Leser, Zuschauer oder Betrachter wird »einbezogen« und gerät in einen Dialog mit den Werken. Die gleichzeitige Vermittlung von Erfahrungen, Hoffnungen, Träumen und selbstgesuchten Anforderungen an das eigene »Ich«, sich findend in der Schilderung des eigenes Lebensumfeldes, der individuellen Lebensbedingungen und der sichtbaren Leistungsfähigkeit, führt zum Dialog auch mit dem Künstler. Die oft strapazierte Frage »Kann ein Leben ohne Arbeit sinnerfüllt sein«, wird ad absurdum geführt. Künstlerisches Schaffen ist Kreativität und Leistung, wie sicher nicht oft mehr im Arbeitsleben anzutreffen. Gleich welche Folgenschritte man anlegen will, z. B. »Wort-Sinn-Kraft-Tat« oder »Fühlen-Denken-Handeln« ist die Arbeit, wie z. B. die der Gruppe der psychisch kranken Menschen, Auslöser für ein anderes Verständnis. Die Gruppe behinderter Menschen und die Leistungsfähigkeit eines jeden Einzelnen werden geachtet. Identifikationen werden möglich, das Wollen der Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit werden anerkannt und in das Denken der »Anderen« aufgenommen. Durch Selbstfindung und Selbstverwirklichung werden Konturen sichtbar und die Persönlichkeit Ausdruck individuellen Strebens, auch nach Gemeinsamkeit. Der umfassendere Dialog ist aufgenommen und die reale Gleichbehandlung und Teilhabe sind das größere, das nächste Ziel.

Herbert Bienk Senatskoordinator für die Gleichstellung behinderter Menschen der Freien und Hansestadt Hamburg